Zuchtprogramme

 

Was sind Europäische Erhaltungszuchtprogramme?

Während noch vor 40 Jahren Tiere aus den Ursprungsländern nach Europa importiert wurden, teilweise auch als illegale Wildfänge, wird heute der Großteil der Zootiere in menschlicher Obhut - wie Zoos oder Tierparks - geboren. Wollen die Zoos langfristig gesunde, sich selbst erhaltende Tierpopulationen besitzen, müssen sie eine möglichst große genetische Vielfalt erhalten.

Inzucht vermeiden

Eine Population ist eine Gruppe von Tieren der gleichen Art. Ist die Population oder Gruppe zu klein, kommt es bei der Fortpflanzung zu Inzucht, d.h. eng verwandte Tiere zeugen Nachkommen miteinander. Das ist auf Dauer für die Gruppe ungesund, weil Inzucht kranke und schwache Nachkommen fördert. Daher ist es wichtig, dass die Zoos ihre Tiere austauschen, um so neue, fremde Tiere in eine bestehende Zoogruppe zu bringen. Aus diesem Grund arbeiten die Zoos international zusammen und tauschen ihre Daten über ihre Tierbestände aus. Die Daten werden in Zuchtbüchern erfasst. Wenn es sich um eine besonders bedrohte Tierart handelt, dann kann für sie ein Zuchtprogramm erstellt werden. Dieses Programm soll die Art langfristig erhalten.

Für fast 300 der in europäischen Zoos lebenden Tierarten gibt es heute nationale und internationale Zuchtprogramme. Das wichtigste Zuchtprogramm ist das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP).

Alle Zoos, die Mitglieder beim europäischen Zoo- und Aquarienverband (EAZA) sind, können und sollen sich an EEPs beteiligen. Für jede von einem EEP betreute Tierart wird ein Zuchtbuch geführt, in das alle wichtigen Daten zu jedem Individuum dieser Tierart eingetragen werden. Dazu zählen das Geburtsdatum, der Geburtsort, die Daten der Elterntiere, Geschwister und die weiteren verwandtschaftlichen Beziehungen. Der Zuchtbuchführer ist gleichzeitig auch verantwortlicher Koordinator für das Erhaltungszuchtprogramm dieser Tierart, genannt Artkoordinator.

Er sammelt aus allen an dem EEP beteiligten Zoos die Daten zu der Tierart. Anhand der Datensammlung gibt er einmal im Jahr Zuchtempfehlungen heraus. Das heißt, dass er den Zoos empfiehlt, welche individuellen Tiere zusammengeführt werden sollen, um Nachwuchs zu haben. Je weiter entfernt Tiere verwandt sind, desto eher bekommen sie die Chance, gemeinsam Junge zu bekommen.

Wie wirkt sich ein EEP auf die Tiere in der Wilhelma aus?

Beispiel: Panzernashörner

Auch Panzernashörner der Wilhelma nehmen an einem EEP teil. Als 2004 das Panzernashornjunge Sahib in der Wilhelma geboren wurde, hat die Wilhelma alle wichtigen Informationen über Sahib wie beispielsweise Geschlecht, Geburtsdatum, Eltern, sonstige Verwandtschaftsverhältnisse und ähnliches an den Artkoordinator im Zoo Basel geschickt. Dieser Zoo führt das Panzernashorn-EEP. Der Koordinator konnte anhand seiner Datenbanken prüfen, zu welchen Panzernashörnern in den europäischen Zoos, Sahib genetisch gut passen würde. Er ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen, dass Sahib am besten in den Madrider Zoo gebracht werden sollte.

Was bedeutet ein EEP für Sie als Zoobesucher?

Beispiel: Panzernashörner

Haben Sie ein Wilhelma-Jungtier lieb gewonnen, das von einem EEP betreut wird? Dann sollten Sie sich an den Gedanken gewöhnen, dass Sie eines Tages voneinander Abschied nehmen müssen. Im Fall von Sahib ist es im September 2006 soweit: Es ist Zeit für Sahib die Wilhelma zu verlassen, denn seine Mutter Sani ist wieder schwanger. In freier Wildbahn würde sie nun ihren zweieinhalb Jahre alten Sohn von selbst vertreiben. Außerdem braucht die werdende Mutter Sani bald ihr ganzes Gehege für ihr neues Jungtier.

Der Artkoordinator für Panzernashörner aus Basel ermittelt, dass Sahib zunächst in den Madrider Zoo gehen soll. Hier soll er zunächst mit anderen Junggesellen zusammen kommen und später eine eigene Familie gründen.

Der Tiertransport

Die Reise von Sahib von Stuttgart nach Madrid musste gut vorbereitet werden. Die Zoologen und Tierpfleger hatten nun eine Menge Arbeit: Papierkram UND Sahib an seine Transportkiste zu gewöhnen. Der Tierpfleger aus Spanien David Fernández, der sich später um Sahib gekümmert hat,  verbrachte einige Tage in der Wilhelma, um die Eigenheiten und Fressgewohnheiten seines neuen Schützlings kennenzulernen. Als Sahib dann nach Madrid auf einem speziellen Lkw gebracht wurde, ist auch schon sein „alter“ Tierpfleger aus der Wilhelma, Volker Kruschenksi, zur Stelle gewesen. Er hat Sahib die Eingewöhnung an den ersten Tagen erleichtert.


In der Wilhelma werden derzeit 56 Tierarten im Rahmen von Europäischen Erhaltungszuchtprogrammen betreut. Einige Beispiele sind die Gorillas, Sumatra-Tiger, Bonobos, Panzernashörner, Okapis, Grevy-Zebras, Barbirusas, Netzgiraffen, Doppelhornvögel und Kongopfauen.

An der Gehegebeschilderung erkennen Sie durch das EEP-Logo, ob eine Tierart an einem EEP teilnimmt.